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Aus Leiderschaft für den Wald

Unterwegs mit einem echten Förster: Autor Frank Heike hat Knut Sierk, einen der vier Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten, begleitet.

Herr Sierk, was sind eigentlich die Aufgaben eines Försters?

KNUT SIERK: Von dem beschaulichen Bild eines Fernsehförsters weicht die Realität deutlich ab. Ein Förster streift nicht den ganzen Tag mit Flinte und Hund durch den Wald. Aber genau wie der Fernsehförster liebe ich meinen Beruf und ich liebe den Wald. Wir Förster verstehen uns als Architekten des Waldes. Wir gestalten die Wälder und greifen dabei der Natur so unter die Arme, dass der Wald die vielen Bedürfnisse und Wünsche der Menschen erfüllen kann. Die Menschen wollen sich in den Wäldern erholen, dort wandern, Rad fahren, Sport treiben und die Natur genießen. Gleichzeitig ernten wir den immer wieder nachwachsenden Rohstoff Holz.

Ein Forstrevier ist meist zwischen 1500 und 2000 Hektar groß. Der Revierleiter oder die Revierleiterin betreut den Wald in diesem Revier selbständig von der Pflanzung bis zur Ernte. Dies erfordert fundiertes Fachwissen. Die ökologischen Zusammenhänge sind genauso wichtig wie die Holzpreise. Alle Arbeiten im Wald sind sorgfältig zu planen, vorzubereiten und durchzuführen. Bei der Holzernte müssen wir nicht nur auf die Sicherheit der Forstwirte und Waldbesucher achten, sondern auch besondere, sogenannte Habitatbäume im Blick haben. Beispielsweise werden Horstbäume oder Bäume mit Spechthöhlen nicht gefällt, weil sie wichtige Lebensräume bieten. Und dann ist der Holzverkauf so zu organisieren, dass eine möglichst gute und langlebige Verwendung des wertvollen Holzes erreicht werden kann.

Auch das Wildtiermanagement gehört zu unserer Arbeit. Wenn zu viel Wild im Wald lebt, das großen Appetit auf die zarten Keimlingen, Knospen und Triebe hat oder die Rinde von den Bäumen schält, dann haben vor allem die jungen Bäume keine Chance zu wachsen. Wald und Wild müssen also in Einklang gebracht werden. Bäume sollen bei uns im Wald ohne zusätzlichen Schutz, zum Beispiel durch Zäune, wachsen können.

Derzeit sind wir vor allem damit beschäftigt, die Wälder nach Stürmen, Dürre und Borkenkäferbefall aufzuräumen. Auch das gehört leider dazu.

Welche Aufgaben erfüllt der Wald?

Der Wald liefert den umweltfreundlichen Werkstoff und Energieträger Holz – ein richtiges Bio-Produkt. Der Wald sichert saubere Luft und sauberes Wasser und er schützt den empfindlichen Boden. Der Wald ist unersetzbar für den Klimaschutz und gleichzeitig bietet er Lebensräume für zahllose Tier- und Pflanzenarten. Nicht zuletzt brauchen die Menschen den Wald in unserer hektischen Zeit als Rückzugsort und als Ort der Ruhe und Erholung, für Sport und Ausgleich. Wir Forstleute versuchen, all diesen Ansprüche und Aufgaben bestmöglich gerecht zu werden und sie in Einklang zu bringen, auch wenn sie manchmal miteinander konkurrieren.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Ich mache mir große Sorgen um unseren Wald. 2018 war ein trockenes und heißes Jahr, mit extremer Dürre, mit katastrophalen Waldbränden. Viele, vor allem junge Bäume sind einfach vertrocknet und die verheerenden Stürme haben große Waldflächen zerstört – das kannte ich in dieser Vehemenz bisher nicht. Als Folge haben wir aktuell ein Riesenproblem mit dem Borkenkäfer, für den die vielen geworfenen, aber noch frischen Bäume ein gefundenes Fressen sind und der sich explosionsartig vermehrt hat. Niemand weiß, wie es im nächsten Frühjahr weitergeht. Gleichzeitig ist durch das Überangebot an Holz der Holzpreis massiv gefallen, so dass gerade privaten Waldbesitzern das nötige Geld fehlt, um Flächen neu aufzuforsten und den nötigen Waldumbau voranzutreiben.

Ein geschwächter und kranker Wald läuft Gefahr, seine bisherigen Leistungen für uns nicht mehr erbringen zu können. Die Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, kommen so schnell, dass der Wald unsere Unterstützung braucht, um sich anpassen zu können. Aber das ist nicht nur eine Aufgabe der Forstleute, sondern der ganzen Gesellschaft, die auf die Lebensgrundlagen angewiesen ist, die der Wald ihr bietet.

Wir stecken mitten drin im Klimawandel und müssen uns gut rüsten. Wir brauchen stabile Wälder für die Zukunft. Da sind wir gefordert und müssen heute die richtige Baumartenwahl für morgen treffen. Wir Forstleute müssen in Generationen denken und nicht nur von Jahr zu Jahr. In Zeiten des Klimawandels ist eine weit vorausschauende Planung nicht nur besonders schwierig, sondern auch besonders wichtig. Das macht die Aufgabe so anspruchsvoll.

Wie sieht es mit der Waldvielfalt in Deutschland aus?

In Deutschland wachsen fast überall Wälder, von den Flussauen bis ins Hochgebirge. Die sehen natürlich grundverschieden aus. Bedingt durch das unterschiedliche Klima und die jeweiligen Bodenqualitäten bilden sich zahlreiche Waldtypen aus, in denen unterschiedliche Laub- und Nadelbaumarten in unterschiedlicher Zusammensetzung und Mischung wachsen. Das wiederum bringt besondere Herausforderungen für die Bewirtschaftung mit sich. In meinem Lieblingsrevier, in Wilsede bei Bispingen haben wir beispielsweise ein sehr buntes Baumartenspektrum.

Gibt es in Deutschland eigentlich noch richtigen Urwald?

Nein, unsere Wälder sind ein Produkt einer jahrhundertelangen, menschlichen Nutzung, die im Mittelalter auch zu einer starken Rodung und Übernutzung geführt hatte. Seit über 300 Jahren gilt in der Forstwirtschaft das Prinzip der Nachhaltigkeit, mit dem zum Beispiel sichergestellt ist, dass nie mehr Holz geerntet wird, als von Natura aus immer wieder nachwächst.

Vor 25 Jahren sind unsere Konzepte für einen naturnahen Waldbau entstanden und werden kontinuierlich weiterentwickelt. Gerade auch mit Blick auf den Klimawandel. Wir bewirtschaften den Wald nach strengen „Spielregeln“. Alle zehn Jahre kontrollieren wir jeden unserer Waldbestände und schauen, wie der Wald gewachsen ist. Dann wissen wir, wie viel Eichen- oder Fichtenholz wir ernten dürfen, ohne den Wald zu gefährden. Gleichzeitig überlegen wir dann, wie wir die Entwicklung zu einem stabilen Wald optimal fördern können, indem beispielsweise bestimmte Bäume gefällt und andere gefördert werden.

In den einzelnen Waldgebieten wird jedoch nur im Abstand von vielen Jahren oder Jahrzehnten gearbeitet. Deswegen ist der Wald ein besonders natürlicher Lebensraum – auch wenn er schon seit mehr als tausend Jahren kein Urwald mehr ist.

Auf 10 Prozent der Landes-Waldflächen in Niedersachsen wird heute allerdings kein Holz mehr geerntet. Dort kann sich der Wald weitgehend ohne Eingriff des Menschen entwickeln. Es ist sehr spannend zu beobachten, was sich dort tut. Wir können dort sehr viel für unsere naturnahe Waldwirtschaft lernen. Und vielleicht entwickelt sich dort eines Tages wieder ein Urwald aus Försterhand.

Bei den Waldtagen in Berlin Mitte September wurde das Thema „Wald-Maut“ diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Wir wollen absolut kein Kassenhäuschen am Waldeingang. Der Wald soll der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, gerade der Wald der öffentlichen Hand. Wir müssen aber auch bedenken, dass der größte Teil der Wälder Privatwälder sind. Die Besitzer bewirtschaften ihre Waldparzellen, die häufig als „Spardose“ zur Altersvorsorge dienen. Auch dieser Wald ist für jedermann zugänglich und darf beispielsweise nicht ringsum eingezäunt werden. Die Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer stellen den Menschen die von ihnen angelegten Waldwege kostenfrei und gerne zur Verfügung. Zurecht dürfen sie davon ausgehen, dass umgekehrt vom Waldbesuch keine negative Beeinträchtigung für den Wald oder seine Bewirtschaftung entsteht. Als Beispiel: Auch Radfahrer nutzen selbstverständlich die Waldwege für ihren Radsport. Solange sie auf den Wegen bleiben, ist das völlig in Ordnung. Weichen sie davon ab und fahren zum Beispiel quer durch junge Pflanzungen, vielleicht sogar, ohne es zu merken, kann großer Schaden entstehen. Dass die Waldbesitzer damit nicht einverstanden sind, ist gut nachvollziehbar.

Es gibt ein paar Regeln, die jeder für ein gutes Miteinander einhalten sollte. Das gilt auch für die unterschiedlichen Gruppen, die den Wald in ihrer Freizeit nutzen. Wenn beispielsweise Läufer, Fahrradfahrer und Reiter ein wenig Rücksicht aufeinander nehmen, dann ist im Wald genügend Platz für alle.

Ein anderes Thema sind unsere Forstarbeiten im Wald. Wenn wir zum Beispiel bei der sehr gefährlichen Baumfällung sind, darf sich niemand auch nur in der Nähe des Gefahrenbereichs aufhalten. Die entsprechenden Wege sind zur Sicherheit der Waldbesucher gesperrt. Das muss unbedingt beachtet werden.

Gibt es Streit um den Wald als Wirtschaftsraum und als Naherholungsgebiet?

Diesen Gegensatz gibt es eigentlich gar nicht. Allerdings gibt es unterschiedliche Blickwinkel. Die Menschen in den Ballungsräumen sehen und erleben den Wald oft anders als die Menschen im ländlichen Raum. Sie nutzen den Wald vor allem zur Erholung und haben oft große Sorge, dass sich etwas verändert, wenn im Wald gearbeitet wird. Umso wichtiger ist es, den Menschen zuzuhören, ihre Sorgen und Ängste ernst zu nehmen und ihnen zu erklären, was wir tun: Zum Beispiel, dass wir den Wald pflegen, auch um ihn an den Klimawandel anzupassen und dass wir das immer wieder nachwachsende Holz nutzen, dass von jedem von uns gebraucht und geschätzt wird. Mit Holzmöbeln oder in schönen Holzhäusern leben, das geht nur, wenn auch Bäume geerntet werden.

In einigen Revieren sind aus Förstersicht ganz normale Arbeiten im Wald kaum möglich, ohne dass sich Anwohner und Anwohnerinnen beschweren. Wir nehmen das ernst und nehmen uns immer wieder die Zeit, zu erklären und im Streitfall zu schlichten. Und wir versuchen nach Abschluss der Arbeiten den Wald so schnell wie möglich wieder zugänglich zu machen und die Waldwege herzurichten.

Wie erreichen Sie die Menschen?

Das persönliche Gespräch ist durch nichts zu ersetzen. Ich fordere deswegen meine Kolleginnen und Kollegen auf, sich Zeit zu nehmen, auch auf kritische Fragen zu antworten, ruhig zu bleiben, und – ganz wichtig – sich und ihr Tun auch einmal selbst zu hinterfragen. Aber Kontakte und Gespräche sind durch die Größe der betreuten Waldgebiete natürlich selten und meist nur zufällig.

Deswegen ist unsere Waldpädagogik so wichtig. Damit treten wir gezielt an die Menschen heran. Gerade an Kinder. Wir wollen jedes Kind in seiner Schullaufbahn wenigstens einmal in Kontakt mit dem Wald bringen. Die Niedersächsischen Landesforsten sind der zweitgrößte Bildungsträger in unserem Bundesland. In anderen Bundesländern dürfte es ähnlich sein.

Wir haben elf Waldpädagogikzentren. Es gibt pädagogisch fortgebildete Forstleute, die dort forstliche Bildungsarbeit leisten. In der Bildungsarbeit erhalten wir schon jetzt viel Unterstützung durch ausgebildete zertifizierte Waldpädagogen und Pädagoginnen, die für uns tätig werden.

In der täglichen Arbeit könnten wir in Punkto Waldinformation sicherlich noch besser werden. Um noch mehr Menschen für den Wald zu begeistern, müssten wir auch die Touristeninformationen oder die Gästeführer ansprechen und mit interessanten waldbezogenen Angeboten für unsere Arbeit interessieren.

Wäre das vor 30 Jahren auch Ihre Haltung gewesen?

Nein. Damals habe ich mehr an die Bäume als an die Menschen gedacht. Das war einfach meine Arbeit, die wollte ich gut und rasch erledigen und die brauchte ich auch niemandem zu erklären. Ja, da hat seitdem schon ein Umdenken stattgefunden. Wir Förster wollen die Bevölkerung gerne mitnehmen. Auf lange Sicht ist das auch der viel bessere Weg. Oft hilft ein einfaches Gespräch, wenn wir erklären: „Der Wald verschwindet nicht. Für die gefällten Bäume pflanzen wir neue Bäume, oder im besten Fall wachsen sie aus den Samen der alten Bäume von Natur aus nach.“

Die Menschen nutzen seit jeher das Holz und der Wald sieht heute so schön aus, dass alle ihn lieben. Was also spricht dagegen, ihn weiter zu nutzen?
Ist in den letzten Jahren die Akzeptanz für die Arbeit der Förster und Waldbesitzer in der Bevölkerung gewachsen?

Das ist ja schwer messbar. Aber ich glaube schon. Wir haben uns früher im dunklen Wald versteckt und gedacht, wenn wir Gutes tun, werden die anderen es schon sehen. Jetzt ist es eher so, dass wir Gutes tun und darüber reden. Wir möchten für unser Handeln werben. Die Bevölkerung ist generell kritischer geworden und schaut genau hin. Das ist im Wald ja auch kein Problem, weil dieser immer geöffnet ist und man unsere Arbeit genau beobachten kann. Daher ist es wichtig, dass wir mit offenen Karten spielen. Wir versuchen, alle Themen so aufzubereiten, dass die Menschen unsere Arbeit verstehen und uns vertrauen können. Denn Vertrauen ist unser wichtigstes Gut.

Was leistet der Wald?
32 Prozent Deutschlands sind bewaldet. Die Zahl der Bäume bundesweit wird auf etwa 90 Milliarden beziffert – eine unvorstellbar große Zahl: rund 1000 Bäume pro Bundesbürger. Deutschland gilt mit 11,4 Millionen Hektar Wald als waldreichstes Land Mitteleuropas. Innerhalb der Bundesrepublik nehmen Rheinland-Pfalz und Hessen mit 42 Prozent bewaldeter Fläche die Spitzenränge ein, gefolgt vom Saarland mit 40 Prozent Wald gemessen an der Landesfläche. Schlusslicht ist Schleswig-Holstein mit lediglich elf Prozent. Unter den etwa 90 verschiedenen Baum- und Straucharten in Deutschlands Wäldern sind 25 Prozent Fichten, 22 Prozent Kiefern und 15 Prozent Buchen. Mischwälder prägen mit 76 Prozent Flächenanteil den Wald. Knapp ein Viertel des Waldes ist älter als 100 Jahre, 14 Prozent sogar älter als 120 Jahre.
Der deutsche Wald produziert etwa 25 bis 38 Millionen Tonnen Sauerstoff im Jahr; die Atemluft im Wald enthält ungefähr 100-mal weniger Staub als die in Großstädten. Über 55 Mio. Menschen besuchen mindestens einmal im Jahr den Wald, um sich dort zu erholen.
Etwa 1,1 Millionen Beschäftigte leben hierzulande direkt oder indirekt vom Wald. Jährlich stehen 76 Millionen m³ Holz als nachwachsender Rohstoff aus heimischer Erzeugung zur Verfügung.
(Quelle: Frank Heike)

Der Nachdruck ist – mit Angabe der Quelle (DOSB) und mit Verweis auf www.waldsportbewegt.de – gestattet und ausdrücklich erwünscht.

Interview (DOSB/Frank Heike) als pdf, Hintergrundinfos (Frank Heike) als pdf. Fotos in Druckqualität: Portait (Knut Sierk), Waldbesucher (Landesforsten.RLP/igreen, J.Fieber)

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